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Die Archer Tongue Collection,
kulturwissenschaftliche Alkoholforschung in Magdeburg - Germany.
ARCHER TONGUE 1919 - 2006

Archer Tongue war ein Mann mit ausgeprägtem Familiensinn. Es gab seine unmittelbare Familie – seine Frau und sechs Töchter, jedoch gab es aber auch noch eine andere, viel größere Familie. Sie bestand aus Wissenschaftlern, Lehrenden an akademischen Einrichtungen, Forschern, Krankenhausärzten, Therapeuten, Regierungsangehörigen, Beamten in verschiedenen Ländern und Freiwilligen aus aller Welt. Es waren Teilnehmer der Kongresse des ICAA und Mitarbeiter von ICAA-Einrichtungen. Sie alle engagierten sich in der nie endenden Debatte über die Verbindung von Alkohol und Gesellschaft. Archer Tongue brachte diese beiden Familien zusammen. Diejenigen, die das Glück hatten, in die Lausanner Villa eingeladen zu werden, welche zugleich sein Wohnhaus und Büro war, konnten während eines gemeinsamen Essens mehrere Gespräche in verschiedenen Sprachen gleichzeitig verfolgen: Ein Biochemiker aus Chile sprach über die Bedeutung der Genetik, ein schwedischer Soziologe über die Geschichte der skandinavischen Temperenzbewegung und Archer Tongues Töchter über ihre Hausaufgaben. Es fiel nicht schwer, sich wohl zu fühlen mit einer der größten Alkohol-Bibliothek weltweit und inmitten einer herzlichen Gastfreundschaft, die sich ganz unkompliziert auch in einer Übernachtungsmöglichkeit im Hauseder Tongues äußern konnte. Auch war Archer Tongue nicht nur der Kopf der Tafel, sondern auch „Vater“ jeder Gesprächsrunde.
Gleichermaßen konnte man Archer Tongue bei jeder ICAA-Konferenz von vielen Leuten umgeben in der Lobby finden. Einige der Diskussionsthemen mögen durchaus mit der Organisation der Veranstaltung zu tun gehabt haben, doch die meisten drehten sich wohl um wichtige Fragen zu Wissenschaft und Politik um Alkohol, und es waren durchaus verschiedene, manchmal auch unvereinbare Standpunkte vertreten. Eva Tongue nahm ebenfalls an diesen Konferenzen teil – sie und ihre Töchter hatten keinen geringen Anteil daran, dass die Konferenzen zu Stande kamen. Archer hörte zu, machte Vorschläge und sprach das nächste Problem an. Wenn seine zwei „Familien“ erst einmal zusammen gekommen waren, war er in seinem Element.
Archer Tongue wurde im Oktober 1919 in Großbritannien in Birmingham geboren. Die „University of London“ beendete er mit einem BA in Geschichte und begann in seinem Fach zu arbeiten. Recht bald wurde er Geschäftsführer der “Friends of Temperance Union”. Seine ersten Erfahrungen in Kongressorganisation sammelte er für den Weltkongress der “Friends of Temperance Union” 1952 in Oxford. Von dort ging es umgehend nach Paris, wo der 24. Internationale Alkoholismus-Kongress stattfand und von hier direkt an seine Arbeit in Lausanne. Er organisierte in den Folgejahren etliche internationale Konferenzen zu Alkohol und Alkoholismus weltweit.
Der ICAA wurde 1907 in Stockholm gegründet und es ist leider traurige Ironie, dass Archer Tongue ein Jahr vor der Hundertjahrfeier der Organisation starb, die unter seiner Leitung eine solche Bedeutung gewonnen hatte.
Durch seine frühen Kontakte zu E. M. Jellinek, der in den 1950er Jahren für die WHO arbeitete, blieb Archer Tongue eine Quelle des Wissens und der Erfahrungen, bei welcher sich internationale Organisationen immer wieder einmal Rat holten. Seine Verbindung zur WHO, einschließlich Beratertätigkeit und Expertengruppenarbeit sind besonders zu erwähnen, auch etablierte er wichtige Verbindungen mit der ILO und UN-Drogen-Kontrollgremien in Wien.
Es gibt wenige Leute, die auf internationalem Parkett zu Alkoholfragen arbeiten und keinen Grund haben, sich an Archer Tongue mit Bewunderung und in Dankbarkeit zu erinnern. Die unter seiner Leitung organisierten ICAA-Konferenzen waren über Jahre hinweg die lebendigsten Treffen für Alkoholforscher und andere Fachleute. Sie waren durchaus nicht durchgängig von höchstem wissenschaftlichen Niveau. Aber es war eines von Archers Prinzipien, alle einzubeziehen und denen, die etwas Interessantes mitzuteilen hatten, eine Gelegenheit dazu zu geben, unabhängig davon, ob die jeweilige Herangehensweise der beste Weg war und unabhängig davon, ob es politisch zweckdienlich war. In echter Quäker-Manier lehnte Archer jede Art von Fundamentalismus ab.
Sein ICAA war – wie jede gute Familie – ein Ort, wo man seine Gedanken aussprechen konnte ohne Angst, abgelehnt zu werden. Das bedeutete keinesfalls, dass ihm Klarheit und Eindeutigkeit fehlten – nein, ganz und gar nicht. Aus einem Gespräch mit Archer Tongue ging man jedes Mal beeindruckt von seinem Wissen und der Breite seiner Erfahrungen. Er wollte einfach nicht über Menschen oder Ideen ein Urteil fällen. Wie jeder gute Diplomat machte er Vorschläge und lenkte Diskussionen in eine Richtung, die er als am produktivsten ansah, nie wollte er jemanden aus der großen Diskussion der Problematik ausgeschlossen sehen. Wenn es darum ging, die internationale Alkoholpolitik durch vielfältige Meinungen und Erfahrungen voran zu bringen, begriff Archer die kollektive Verantwortung für jenen Prozess.
Es ist Archer Tongues große Toleranz, an die man sich erinnern wird. Auf einem konfliktreichen Feld war er immer eine Stimme der Vernunft und eine Stimme der Leidenschaft. Archer begrüßte die unterschiedlichen Sichten seiner vielen, vielen Familienmitglieder – der in seinem Herzen und in aller Welt.
(Übersetzt nach Marcus Grant)
